Wacken Donnerstag

Nach 29 Auflagen immer noch das Maß aller Metal-Dinge

Donnerstag, 02.08.2018:

Los geht es am Donnerstag dem Tag an dem es gefühlt 40 Grad im nicht vorhandenen Schatten sind mit dem üblichen Rundgang auf dem Holy Ground. Staubig und noch ruhig so liegt das „gelobte Land“ vor uns.

Nach den ersten Begrüßungsritualen im Camp heißt es dann auch: Schnell, keine Zeit verlieren, und auf geht’s zur für uns ersten Band des Festivals: TREMONTI! Da ich die Herzen unzähliger Frauen mit Karaoke-Versionen von alten CREED-Schinken gewinnen konnte und ich außerdem unheimlich auf ALTER BRIDGE stehe, bin ich Herrn Tremonti schon per se zu großem Dank verpflichtet. Außerdem ist das aktuelle Album seiner Solo-Band sehr amtlich geworden und tönt seit Veröffentlichung gerne immer wieder bei mir über die heimische Anlage. Also sind die Erwartungen an das Konzert dementsprechend hoch – und können diesen leider nicht ganz gerecht werden. Zum einen liegt das an der Song-Auswahl und vor allem deren Reihenfolge. So dauert es ganze neun Lieder, bis etwas vom aktuellen Album zum Besten gegeben wird – warum geht man mit seiner aktuellen Veröffentlichung nicht selbstbewusster um? Auch ist mir persönlich der Anteil an Songs der Zweitveröffentlichung „Cauterize“ zu hoch, die ich für das schwächste Album der Band halte – diese nehmen ein Drittel des Konzerts ein. Größtes Manko ist allerdings der Sound – was fett klingen soll, wird zu Matsch. Schade, aber glücklicherweise während des Festivals eine Ausnahme – ansonsten gibt es nur selten etwas über den Sound auf den großen drei Hauptbühnen zu meckern. Den Negativpunkten steht die unübersehbar große Spielfreude der Musiker entgegen, die sich über eine stetig wachsende Menschenmenge, die gut mitfeiert, freut. Alles in allem allerdings trotzdem ein eher zwiespältiges Konzert-Erlebnis.

Und wo wir gerade bei zwiespältig sind, was liegt näher, als sich das folgende VINCE NEIL-Konzert anzuschauen? Der immer mehr zum Kugelfisch mutierende Ex-Sänger von MÖTLEY CRÜE erfüllt alle Erwartungen, welche für mich darin bestehen, weiterhin nicht singen zu können und auf Nummer sicher zu gehen. Wer will es ihm verdenken – die anwesende Menschenmenge tut es jedenfalls nicht und feiert zu den größten CRÜE-Hits wie „Dr. Feelgood“, „Girls, Girls, Girls“, „Kickstart My Heart“ und so weiter und so fort. Vom Charme vergangener CRÜE-Auftritte ist das Ganze allerdings meilenweit entfernt. Da zu viel Kugelfisch in der prallen Sonne sehr ungesund sein soll, gebe ich dem folgenden DIRKSCHNEIDER einen Korb. Stattdessen freue ich mich auf die nun in der prallen Sonne auftretenden BEHEMOTH. Es ist ein hartes Los, als Black Metal-Institution unter solchen Bedingungen böse zu sein, aber BEHEMOTH schlucken die Kröte und knallen trotzdem ordentlich drauflos. Ein klassisches Black Metal-Set ohne Kompromisse. Sehr gut gefällt mir die ganze Gestaltung der Bühne – schwarz dominiert, saugeile Mikro-Ständer in Form von stehenden Schlangen, düstere Ornamente aus Metall und ein mächtiges, schwarz-weißes Backdrop in schönster Black Metal-Manier. Über allem thronen sehr effektvoll die beiden in weißem Glanzlack gehaltenen Bassdrums – die immer wieder ein wahres Inferno entfachen. An richtigen Flammen wird ebenfalls nicht gespart, Pyros, soweit das Auge reicht. Obwohl ich kein einziges Album der Band besitze, bin ich doch sehr angetan von der Show, und Langeweile kommt zu keinem Moment auf! Starkes Konzert!

Gut gelaunt geht es dann zu DANZIG – eine Legende, da braucht man kein Wort drüber zu verlieren! Allerdings fällt es mir auch schwer, in Worte zu fassen, wie schlecht dieser Auftritt war. Wirklich ganz, ganz furchtbar, was der Mann hier abliefert. Stimmlich total neben der Spur, keine Ausstrahlung, kein Zauber, einfach traurig. Ich bin mit mehreren Leuten da, alle sind unfassbar enttäuscht. Geht nicht anders, da muss man auch mal früher gehen, und ich bin eher froh, dass ich nicht höre, was er diesen Abend mit „Mother“ angestellt haben mag… Außerdem gibt es eh eine Überschneidung mit WATAIN, die ich noch nie gesehen habe, was ich aber unbedingt nachholen will! Ich bin teilweise enttäuscht, aber irgendwie auch froh, dass man sich im Hause WATAIN scheinbar nicht mehr mit geronnenem Schweineblut einschmiert vor den Auftritten – das hätte einen Spaß gegeben im heißen Zelt der Headbanger Stage! Trotzdem merkt man dem Konzert seinen sehr eigenwilligen und speziellen Charakter sofort an, Frontmann Erik Danielsson ist echt auf ’nem ganz besonderen Trip, und seine Mitmusiker und weite Teile des Publikums folgen bereitwillig seiner schwarzen Messe. Unbestritten ein Faszinosum und musikalisch auch ziemlich weit vorne – „Malefitor“ ist hier mein absolutes Highlight. Das Zelt war mit Sicherheit die richtige Wahl für dieses außergewöhnliche Konzert.

Nun noch schnell zur Beergarden Stage, komplettes Kontrastprogramm – die letzten Minuten von JOHN DIVA AND THE ROCKETS OF LOVE schauen. Leider reicht es nur gerade noch für das Cover von „Paradise City“, was eine Beurteilung des Konzerts ziemlich schwierig macht. Sie gelten ja teilweise als die deutsche Version von STEEL PANTHER – was die Kostüme angeht, kann man da jedenfalls zustimmen, und die Stimmung im Publikum war ebenfalls bestens. Nächstes Mal schaue ich mir mehr an.

Nahtlos geht es weiter mit JUDAS PRIEST – man kommt aus dem Rennen nicht mehr raus. Klarer Fall, zu dem Konzert wollen alle hin, und natürlich platzt hier mal wieder das Holy Wacken Land aus allen Nähten. An der Stelle auch noch mal der Hinweis, dass ich die 75.000 Besucher für ein Märchen halte, es sind auf jeden Fall 100.000. Wie auch immer, die Menge bebt vom ersten Song an, „Firepower“ vom extrem starken neuen Album eröffnet ein 90-minütiges Set voller Highlights – die größtenteils aus der ruhmreichen Vergangenheit stammen. Bis auf die drei Songs von „Firepower“ ist kein Song auf den Alben von nach 1990 vertreten! Sprich – „Painkiller“ ist der jüngste Song! Das freut natürlich mehr, als dass es stört. Ein weiterer Grund zur Freude ist immer noch der „neue“ Gitarrist Richie Faulkner, der der Band hör- und sichtbar neues Leben eingehaucht hat. Alle haben spätestens seit dem neuen Album wahnsinnig Bock – da kommt die Botschaft der Parkinson-Erkrankung von Glenn Tipton zum schlechtesten Zeitpunkt. Umso cooler, dass er überraschend für die letzten drei Songs die Bühne entert und noch mal zur Gitarre greift! Rob Halford ist stimmlich über jeden Zweifel erhaben – gedächtnistechnisch lässt es aber scheinbar immer mehr nach, kaum ein Song ist nicht geprägt von seiner über die Teleprompter gebückten Körperhaltung. Aber Schwamm drüber – das Konzert ist ansonsten wirklich top, und so lange es in der Qualität weitergehen kann, bin ich froh, wenn am Ende in dicken Lettern geschrieben steht: „The PRIEST will be back“.

Danach endlich zurück zum Camp und mal die Füße hoch legen und ausruhen für den morgigen Tag, der genauso warm und Sonnen durchflutet werden sollte wie der Donnerstag.