Wacken Open Air Mittwoch 30.07.2025

Und wieder ruft der Acker und wieder folgen 85.000 Metalheads aus aller Welt diesem Ruf und pilgern gen Norddeutschland. Wenn Du heute das Wort Wacken ausprichst, wissen 8 von 10 Leuten genau was damit gemeint ist und 7 von 10 waren schonmal vor Ort.

Viele sind darüber am schimpfen, das es sich um eine Kirmes handelt die anderen finden es einfach nur geil, weil es bis zu 1 Woche lang Party mit geiler Musik gibt.  Kommen wir zu den Fakten. Eine komplette Woche Wacken. Frühanreise Sonntag, Abreisetag Sonntag (zumindest für die, die dieses Jahr komplett durchstehen). Essen gibt es mal wieder von Burger über Käsespätzle bis hin zu normalem Grillgut, Spanferkel und vegetarischen Ausweichgütern. Das gute an der Preissteigerung allgemein ist, die Preise in Wacken kommen einem nicht mehr so krass überzogen vor, fast schon normal.
Getränkepreise liegen bei 5,80 pro Bier oder Cola 0,4. Auf anderen Großveranstaltungen mittlerweile bei mindestens 6 Euro pro 0,4 Liter.

Das Cashless Payment System funktioniert mittlerweile reibungslos, razzfazz aufgeladen, jederzeit komplett transparent und restliches Guthaben innerhalb eines Tages wieder zurückgebucht. Besser kann man ein solches System nicht mehr machen, inklusive der Möglichkeit, Trinkgeld für die Mitarbeiter zu buchen, wenn man denn will.

Und ansonsten Metal Merch Stände (der hauseigene Merchstand auf dem Acker liegt mittlerweile bei einer Fläche von 20 auf 40m exklusive zusätzlicher Lagerfläche und es kann im Vorfeld schon per Bestellung gebunkert werden, um die Wartezeit zu verkürzen), 9 Bühnen (L.and G.ast H.of Club Stage, Wackinger Stage, Welcome To The Jungle, Wasteland,Headbanger, W.E.T., Faster, Harder, Louder – irgendwo liest man was von 10 Bühnen, im Prinzip aber auch egal), ein paar Biergärten, Space Center und die Wacken United Area, die entweder als Pressebereich oder als, sagen wir mal, käuflichen VIP Bereich dazu gebucht werden kann.
Ja, es gibt irgendwie fast alles und fast nichts, was es nicht gibt (vor allem auf dem Campground), außer, leider leider ein Riesenrad. Die viel beschworene und beschimpfte Kirmes findet irgendwie nie statt. Schade eigentlich.

Achja, Bands gibt es neben den enthusiastischen Fans natürlich auch noch.

Gun Called Britney ist sozusagen die erste Band, die auf den regulären großen Bühnen in diesem Jahr auftreten darf. Auf der W.E.T., kurz darauf kommen Killotine auf der Headbanger und mit Dogma wird um 12 Uhr die Louder von wild geschminkten, leicht bekleideten Nonnen eröffnet. Zwar anfangs noch mit verbesserungswürdigem Sound, dafür am Ende mit „Like A Prayer“ von Madonna – passend. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Zwar bleibt die Harder Bühne, also die mittlere der großen drei heute noch geschlossen, aber alle anderen ballern lautstark los. Enemy Inside kommen aus Aschaffenbrug und präsentieren neumodischen Metal auf hohem Niveau und man kann durchaus attestieren, dass der Slot verdient ist. Die Newcomer Warbringer (O-Ton Sänger John) heizen die Wasteland Stage ein, bei der es ordentlich voll ist und sich sogar eine kleine Wall of Death bildet.

 

Zurück im Infield: Die beiden Veranstalter Holger Hübner und Thomas Jensen lassen es sich nicht nehmen, persönlich auf der Hauptbühne aufzutauchen, ein paar Worte (Hübner Deutsch, Jensen Englisch) ans Publikum zu richten. Hübner: „Wir haben ja bestes Wacken Wetter“. Jensen: „Das übersetze ich jetzt nicht!“. Ansonsten war dieses Jahr die Eröffnung des Infields spektakulärer als sonst. Die Leute rennen zwar traditionell wie verrückt nach vorne, allerdings dürfen sie sich dieses Jahr von verkleideten Wasteland Leuten etwas anbrüllen oder erschrecken lassen. Dazu werden reichlich Bengalos gezündet, Schwefelrauch von der Bühne und Tina Guo spielt auf der Geige u.a. „The Trooper“ von Iron Maiden. Als erste Band dort darf dann Wind Rose ran, bei denen einige Fans sich mit aufblasbarer Spitzhacke bewaffnet haben, um ihren Gassen“hauer“ „Diggy Diggy Hole“ visuell zu untermalen.

Das Wetter ist keinen Deut besser als am Vortag, was die Fans von Lita Ford nicht davon abhält, in Regenkleidung vor der Bühne zu stehen, während die in die Jahre gekommene Dame in roter Ledermontur ihr Set spielt. Zum Ende hin packt sie sogar die Doppelhalsige aus und man meint schon, der Regen würde nachlassen, aber nein, eher lässt dann der Auftritt von Lita nach. Im Infield kommen Apocalyptica zum Zug, 3 Cellos unterstützt vom Schlagzeug und zunächst im Stehen. Im Publikum ebenfalls eine Kulisse aus diversen Regenmänteln und Ponchos. Gestartet wird mit „Ride The Lightning“, animierungsversuche für die Arme zünden und die Kehlen werden lautstark bei „Enter Sandman“ angesprochen. Die Finnen scheuen sich nicht, sogar „St. Anger“ zu spielen und haben mit Tina Guo die Frau als Gast am Start, die sich zum Ziel gesetzt hat, häufiger als Doro die Wacken Bühne zu betreten. Wohlgemerkt versucht sie den Rekord in einem Jahr durchzuziehen.

Torment gehören ja auch irgendwie zum Inventar von Wacken und feiern folgerichtig ihren runden, 41. Geburtstag auf der Wasteland Stage. Sänger Jörn, Inhaber von Remedy Records, steht unverwüstlich wie eh und je auf der Bühne und spielt mit seiner Truppe ein Best Of Programm ab und die Leute feiern es, ebenfalls wie eh und je. Wie man eine musikalische Verwandlung gut hinkriegt beweisen dann Lost Society auf der W:E:T Stage. Gestartet als blutjunge Thrash Band ist diese mittlerweile komplett im melodischen Metalcore angekommen und scheint zumindest ihren Status über Jahre halten zu können. Die Wurzeln verleugnen wollen die Finnen aber nicht und hauen kurz vor Schluss nochmal zwei richtig schön schnelle Rumpel-Thrasher raus. Stimmung können sie auf jeden Fall.

Konzertagenturen beherrschen schon lange den Live Sektor und bestimmen maßgeblich, wer wo spielt. Und wenn eine Agentur bestimmt, dass es eine Metal Band mit Sound X und Sängerin Y geben sollte, wird eine gecastet und solange überall präsent vorgezeigt, bis auch die letzte Hardrock Hausfrau vorm Radio denkt, sie habe den neuesten heißesten Scheiss für sich entdeckt. Dementsprechend stehen Beyond The Black wieder mal auf der Bühne und werden von vielen tausend Besuchern bejubelt. Ja, es gibt durchaus geile Riffs, ja die Sängerin kann singen, aber letztendlich ist das generierter Pop mit Standard Riffs um auch ja metallische Relevanz zu heucheln. Auch wenn die gleiche oder eine ähnliche Partneragentur hier die Finger im Spiel hat beweist Deine Cousine doch mehr Authentizität, vor allem mit klarer links Ansage und steht eben dafür, wofür sie steht. Power hat die Truppe ebenfalls und durfte sich ja erstmals 2023 auf dem Acker beweisen. Linker Hamburg-Punk, tut nicht weh, kann man gut zwischendurch goutieren.

Das kann man ebenfalls von Nestor behaupten. Jeder 80iger Fan, der mehr auf Kitsch und Pop als auf Heavy und Metal steht findet diese neue Truppe ja über alles erhaben. Wer mit dem 80iger Pop Sound noch nie was anfangen kann geht besser mal flux weiter. Es gibt nur wenige Gründe, sich Nestor, gegründet von einem jahrelang erfolgreichen Musikproduzenten aus Schweden, anzuschauen. Viele sehen das anders. Legitim, könnte man sagen.

Pentagram sind nicht die Kultband mit Bobby am Mikro sondern aus Chile die ordentlich Krawall zu später Stunde machen und schon ist später Abend und Headliner Zeit. Saltatio Mortis feiern 20-jähriges und lassen es nicht nur in Strömen regnen, sondern auch ihren Sänger auf der Bühne. Dieser wird mal kurzerhand abgeseilt und die Band startet direkt mit „Finsterwacht“ vom letzten Output. Leider, leider ohne Hansi Kürsch als Gastssänger. Klar, der Song ist und bleibt top, aber das wäre natürlich die kleine Krönung gewesen. Aber es geht Schlag auf Schlag, „Wo sind die Clowns“, „Heimdall“, „Valhalla“ und natürlich an allen Ecken und Enden eine bombastische Show im leicht warmen Regen. Der nächste Minimale Dämpfer: „We Might Be Giants“, genau wie oben: super Song, aber mit Gastsänger Payton Parrish wäre er doch noch besser geworden und dieser Mensch gastiert ja immerhin zwei Tage später. Aber gut. Insgesamt 21 Songs, darunter gibt es „Grosse Träume“, aber auch kleine Alpträume („Hypa Hypa“ als Cover) und „Feuer & Erz“ nochmals mit Tina Guo. Eine schöne Mischung aus alten und neuen Songs und jeder Fan dürfte die Show genossen und so mancher danach noch öfter   geniest haben.