
Mit „Forest of Forgetting“ beweist Eye of Melian einmal mehr, dass Eskapismus nicht nur ein Genre ist, sondern Balsam für die Seele. Das von Tolkien inspirierte Projekt von Martijn Westerholt (Delain) und Johanna Kurkela (Auri) kehrt mit einem Album zurück, das sich anfühlt, als würde man durch ein verborgenes Tor in eine Welt treten, in der Sorgen verschwinden und Staunen Einzug hält. Und genau das wollte Westerholt seinen Hörern vermitteln: Erfrischung, Befreiung, Glück. Mission erfüllt.
Johanna Kurkela bleibt die Geheimwaffe der Band. Ihre Stimme ist pure Magie; leicht, kristallklar und so perfekt auf den ätherischen Klang der Band abgestimmt, dass man sich Eye of Melian ohne sie kaum vorstellen kann. Sie singt diese Lieder nicht einfach nur; sie entführt einen in sie hinein. Im einen Moment sitzt man noch im Wohnzimmer, im nächsten wandert man durch uralte Wälder oder treibt über sternenklare Meere.
Die Vielfalt des Albums ist eine seiner größten Stärken. „Symphonia Arcana“ berührt mit emotionaler Wärme, während „Child of Twilight“ mit einem bombastischen, filmischen Klangbild aufwartet. Trotz der üppigen Orchestrierung und der vielen Ebenen, die in jedem Stück verwoben sind, wirkt die Musik nie erdrückend. Im Gegenteil, sie belohnt mehrmaliges Hören. Jedes Mal entdeckt man ein neues Detail, eine neue Klangfarbe, einen neuen Funken Weltenbau; und doch ist es auch die Art von Album, bei der man einfach die Augen schließen und sich treiben lassen kann.
Gastauftritte bereichern das Album zusätzlich. Troy Donockley (Nightwish, Auri) und Patty Gurdy verleihen „Dawn of Avatars“ ihren unverkennbaren Sound – ein Stück, das sich wie der Beginn eines großen Abenteuers anfühlt. Laut Westerholt hat sich Donockley quasi selbst auf das Album eingeladen und scherzhaft angekündigt, auf der nächsten Eye of Melian-Veröffentlichung dabei zu sein. Und ehrlich gesagt, profitieren wir alle davon. Der Song weckt Assoziationen an eine Segelreise auf einem Fantasieschiff oder den Start eines neuen Rollenspiels, bereit, unbekannte Welten zu erkunden.
„Blackthorn Winter“ besticht durch einen charmanten finnischen Abschnitt, der dem Song eine ganz persönliche Kurkela-Note verleiht. Er hat etwas Märchenhaftes und wechselt zwischen zarten Erzählungen und Momenten, in denen man sich fast Tänzerinnen in einem kerzenbeleuchteten Ballsaal vorstellen kann.
Selbst das Bruce-Dickinson-Cover „Tears of the Dragon“ fügt sich nahtlos in die Atmosphäre des Albums ein. Es bleibt dem Geist des Originals treu und greift gleichzeitig die orchestrale, traumhafte Identität von Eye of Melian voll auf.
Hinter den Kulissen entstand das Album in Eigenregie, wodurch jeder die Möglichkeit hatte, sich individuell einzubringen. Die einzigen Leidtragenden waren vielleicht Johanna Kurkelas Katzen, die offenbar bei einigen Gesangsaufnahmen zu hören waren. Ein kleiner Preis für die Kunst.
Wenn es überhaupt etwas zu bemängeln gibt, dann ist es rein subjektiv: „Nepenthe“ hätte als Opener oder Closer vielleicht noch besser funktioniert. Aber das ist Haarspalterei. „Forest of Forgetting“ ist stimmig, bezaubernd und, trotz seines Titels, absolut unvergesslich.
Eye of Melian lädt dazu ein, dem Alltag zu entfliehen und in etwas Schönes einzutauchen. Und mit dem Album-Release-Konzert in Zwolle vor Augen wird diese von ihnen erschaffene Welt bald auf der Bühne zum Leben erwachen.
Ein Album, das man gehört haben sollte. Eine Welt, die es wert ist, betreten zu werden. Und eine, die es verdient, nicht vergessen zu werden.
Score: 10/10
Label: Napalm Records
Release date: February 20th, 2026
Tracklisting:
- Of Willows and Shadows
- Symphonia Arcana
- Child of Twilight
- Elixir of Night (feat. Patty Gurdy and Troy Donockley)
- Blackthorn Winter
- Lady of Light
- Dawn of Avatars (feat. Patty Gurdy and Troy Donockley)
- Forest of Forgetting
- The Buried Well
- The Mirror
- Nepenthe
- Tears of the Dragon (Bruce Dickinson Cover)