
Man mag es kaum glauben, aber es gab eine Zeit, da waren Kreator noch nicht die allgegenwärtige, dominante und unerbittliche Naturgewalt, die sie heute sind. Dies ist ihr dritter Auftritt in dieser schönen Stadt innerhalb von drei Jahren, und ihr Ruhm wächst stetig. Nicht schlecht für eine Band aus den Achtzigern, die in den Neunzigern praktisch abgeschrieben war. Das Publikum ist eine explosive Mischung aus Metal-Veteranen und einer jüngeren Generation, die sich in den letzten zehn Jahren den deutschen Meistern verschrieben hat. Es mag seltsam klingen, das über eine Band zu sagen, die maßgeblich an der Entstehung des Thrash Metal beteiligt war, aber dies ist keine nostalgische Betrachtung. Sie mögen zwar schon in ihr fünftes Jahrzehnt als Band gehen, aber dies ist zweifellos ihre Blütezeit.
Mit gerade einmal zwanzig Jahren Bandgeschichte sind Nails die jungen Wilden im Vorprogramm. Sie reisen mit einem furchteinflößenden Ruf an, nachdem sie das Damnation Festival 2017 und 2024 verwüstet haben. Ihr nihilistischer Lärm besticht durch seine ursprüngliche Einfachheit. Alles ist auf das Wesentliche reduziert, ohne Schnickschnack oder Füllmaterial. In knapp dreißig Minuten rasen sie durch dreizehn Tracks, jeder einzelne so barbarisch brutal wie der vorherige. Es ist roh, kraftvoll und absolut unerbittlich. Die Gitarren klingen wie kreischende Kreissägen, die mit bösartiger Absicht durch die Luft schneiden. Hier findet sich ebenso viel Punk wie Metal; diese Musik ist erfüllt von berechtigtem Zorn und trostloser Verzweiflung.
Während des Sets füllt sich der Saal bis zum Bersten und die Menge saugt die brodelnde Negativität förmlich auf. Todd Jones feuert Schimpfwörter ab, als gäbe es kein Morgen, bedankt sich immer wieder beim Publikum für die Energie. Er zählt uns während der letzten drei, mitreißenden Tracks herunter. „Endless Resistance“ mündet in ein majestätisches, finsteres Duo aus den Titeltracks ihrer Debütalben und ihrem wichtigsten Album. „You Will Never Be One Of Us“ besticht durch seinen minimalistischen Schrecken, während „Unsilent Death“ mit chaotischer Geschlossenheit scheppert. Ein absolut grandioses Beispiel für die ungezügelte Kraft des üblen Lärms.
Setlist:
- Suffering Soul
- Violence is Forever
- God‘s cold Hand
- Wide Open Wound
- I will bot Follow
- Endless Résistance
- You will Never be One of us
- Unsilent Death
Bilder von Nails gibt es hier: https://rock-konzert-magazin.com/nails/
Mit einer Geschichte, die bis ins Jahr 1979 zurückreicht, können Exodus sich als älteste der heutigen Veteranenbands bezeichnen. Nur Schlagzeuger Tom Hunting ist noch aus jenen Tagen dabei, während der ebenfalls langjährige Bandkollege (und gelegentliche Slayer-Gitarrist) Gary Holt 1981 zur Band stieß. Neben Testament galten Exodus schon immer als eine Art Lücke in der Liste der vier großen Thrash-Metal-Bands. Ihre frühen 80er-Jahre-Demos waren in vielerlei Hinsicht ein regelrechter Entwurf für dieses aufstrebende Genre, und sie verdienen die Anerkennung genauso wie ihre verehrten Kollegen.
Sie sind ein mitreißender Spaß – eine Kakophonie aus galoppierenden Gitarren und beschwingten Riffs. Mit dem imposanten Titeltrack „Bonded By Blood“ als zweitem Song gewinnen sie im Nu die Herzen aller alternden Thrash-Fans im Saal. Leidenschaftlich und mitreißend singt der Saal mit. Dasselbe gilt für „A Lesson In Violence“ vom selben Album. Körper, die es eigentlich besser wissen sollten, prallen aufeinander, fest entschlossen, ihre wilde Jugend wiederzuerleben. Mit einer etwas skurrilen Freddie-Mercury-Parodie wickelt Rob das Publikum endgültig um den Finger. Er genießt es sichtlich, die Zuhörer mit einem kurzen Ausschnitt aus Garys lukrativerem Nebenprojekt „Raining Blood“ zu necken, bevor die Bravour nahtlos in das grandiose „The Toxic Waltz“ übergeht. Die Stimmung brodelte beeindruckend vor sich hin, doch nun explodiert die Jahrhunderthalle förmlich in dynamischer Ausgelassenheit. Eine brillante Erinnerung daran, dass die Begründer des Thrash Metal vielleicht nicht genau die sind, für die man sie hält.
Setlist:
- 3111
- Blondes by Blood
- Deathamphitamine
- Goliath
- Blacklist
- A Lession in Violence
- The Toxic Waltz
- Strike of the Beast
Bilder von Exodus gibt es hier: https://rock-konzert-magazin.com/exodus/
Liverpools größtes musikalisches Geschenk an die Welt ist und bleibt Carcass. Sie haben die Entwicklung des Metal nicht nur einmal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal maßgeblich mitgestaltet. Ihr abstoßendes Debütalbum „Reek of Putrefaction“ präsentierte eine widerwärtige, unversöhnliche Form von Metal, die all jene ansprach, die sich wünschten, ihre Musik wäre genauso abstoßend wie ihre Albumcover. Anfang der Neunziger definierten sie den Death Metal mit dem grandiosen „Necroticism – Descanting the Insalubrious“ neu und brachten ein technisches Niveau ein, das das Genre für immer veränderte. Mit dem außergewöhnlichen „Heartwork“ erfanden sie sich dann erneut – die Blaupause für melodischen Death Metal, die von unzähligen jungen Männern in Göteborg begeistert aufgenommen wurde.
Es ist ein so grandioses Werk, dass es auch 33 Jahre später noch die Setlist von Carcass dominiert. „Buried Dreams“, „Death Certificate“, „No Love Lost“ und der majestätische Titeltrack bieten Bill Steer die perfekte Bühne, um zu beweisen, warum er der mit Abstand am meisten unterschätzte Gitarrist im Metal ist. Carcass präsentieren sich in absoluter Höchstform, selbst mit einem Aushilfsschlagzeuger. Der Stammspieler Daniel Wilding ist verhindert, und Opeths Waltteri Väyrynen ist kurzfristig eingesprungen – und, wie Jeff Walker anmerkt, ohne Probe. Er ist ein erstaunlicher Ersatz, der mühelos mit dem rasanten und unerbittlichen Tempo des Materials mithalten kann. Verschnaufpausen gibt es keine. Carcass‘ Set gleicht einem Maschinengewehrlauf durch zehn atemberaubende Songs.
Ihr musikalisches Können ist schlichtweg atemberaubend, sowohl in seiner Virtuosität als auch in seiner Geschwindigkeit. Es ist zudem herzerwärmend zu sehen, wie sie mit der ihnen gebührenden Euphorie gefeiert werden. Keine andere Band hat den Metal so sehr geprägt wie sie, und heute Abend scheint jeder in der Jahrhunderthalle plötzlich ihre immense Bedeutung zu erkennen.
Setlist:
- Ungut for Human Consumption
- Buried Dreams
- Incarnated Solvent Abus
- No Love lost
- Death Certificate
- Dance of Ixtab
- Genital Grinder
- Exhume for Consume
- Corporale Jigsore Quandary
- Heartwork
Bilder von Caracas gibt es hier: https://rock-konzert-magazin.com/carcass/
Kreator bauen die Spannung meisterhaft auf. „Run To The Hills“ dröhnt aus den Lautsprechern und vereint den Saal in einem gemeinsamen Mitsingen. Anschließend wird eine immersive, KI-generierte Zusammenstellung brutaler Szenen aus verschiedenen Epochen auf das vor der Bühne ausgebreitete weiße Tuch projiziert, untermalt von P.F. Solans ergreifendem „Eve Of Destruction“. Als das Tuch entfernt wird, geht ein kollektives Staunen durch den Saal, denn das Ausmaß und die Ambition der heutigen Inszenierung werden endlich enthüllt. Kreator haben sich selbst übertroffen und eine höllische Landschaft geschaffen, die in ihrer Tiefe und visuellen Pracht überwältigend ist. Eine gewaltige Inkarnation von Violent Mind schwebt scheinbar in der Luft, Rauch quillt aus seinem aufgerissenen Schädel. Und dann ist da noch die Pyrotechnik. Flammen schossen während fast jedes Liedes nach oben, unten und über den Saal, und die Hitze war bis in die hintersten Reihen spürbar. Später im Set umhüllen Flammenteppiche die Band, und das gesamte Konzert ist eine wahre Fundgrube atemberaubender Showeinlagen.
Doch eine übertriebene Pyrotechnik allein macht noch keine gute Show. Kreator präsentieren sich in absoluter Höchstform und beweisen eindrucksvoll, warum sie nach über vierzig Jahren Bandgeschichte größer sind als je zuvor. Es ist eine mitreißende Reise durch ihren beeindruckenden Katalog. Sie ignorieren den Großteil ihrer Alben aus den Neunzigern und spielen stattdessen ausschließlich ausgewählte Stücke aus ihren Anfängen in den Achtzigern und ihrem Comeback im 21. Jahrhundert. Nicht nur ist von jedem Album, das nach 2001 erschienen ist, mindestens ein Song dabei, diese bilden die Höhepunkte des Konzerts und laden zu apokalyptischen Mitsing-Aktionen und ausgelassener Publikumsbeteiligung ein. Es ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass Kreator keine Nostalgie-Band sind und heute relevanter denn je.
Das Set ist perfekt getaktet: Die vier Tracks von „Krushers of the World“ aus dem Jahr 2025 sind über die sechzehn gespielten Songs verteilt, um die Dynamik aufrechtzuerhalten. „Endless Pain“ beginnt mit einem ergreifenden Monolog von Miland „Mille“ Petrozza über die Reise nach Berlin zur Aufnahme des ersten Albums. Er wirkt genauso enthusiastisch wie als Teenager (er war gerade mal siebzehn, als sie die erste Platte aufnahmen). Diese mitreißende Energie springt förmlich von der Bühne. Jeder Song wird wie ein fulminanter Abschluss präsentiert, jeder Song ist ein Höhepunkt, und diese triumphale Leidenschaft ist absolut ansteckend.
Eine Zugabe im eigentlichen Sinne gab es nicht. Stattdessen folgte ein grandioses Finale mit „Phantom Antichrist“, untermalt von brennenden Strohpuppen, gefolgt von der Hymne „666 – World Divided“ und schließlich dem fulminanten Finale mit „Violent Revolution“ und „Pleasure to Kill“, bei dem die Produktionsqualität ein letztes Mal auf die Spitze getrieben wurde, während Feuer vom Himmel regnete. Mit dem mittlerweile traditionellen Ausruf „The Kreator will return“ verabschiedeten sie sich und beendeten eine absolut mitreißende Feier der Härte. Jede Band präsentierte sich mit der Attitüde und dem Können eines Headliners und wurde mit einer Reaktion belohnt, die einem Abschlussact würdig war.
Setlist:
- Seven Serpents
- Hail to the Hordes
- Enemy of God
- Satanic Anarchy
- Hate über Alles
- People of the Lie
- Betrayer
- Krushers of the World
- Hordes of Chaos (A Necrologue for the Elite)
- Satan is Real
- Loyal to the Grave
- Mars Mantra
- Phantom Antichrist
- Tränenpalast with Britta Görtz
- Endless Pain
- 666-World Divides
- Violent revolution
- Pleasure to Kill
Bilder von Kreator gibt es hier: https://rock-konzert-magazin.com/kreator/