
Ist man traurig, dass Wacken schon am letzten Tag angelangt ist oder froh, dass man ein weiteres überlebt hat und somit imstande ist, 2026 wieder zu kommen? Fest steht, gefühlt die Hälfte aller Besucher sind schon abgereist oder packen gerade ihre Sachen. Dass es einige Frühabreisende gibt ist auf jedem Festival so. Wenn man dazu schon x Tage dort verbracht hat, nicht sehr verwunderlich und wenn irgendwann alles nass ist, kann man auch mal komplett die Lust verlieren. Aber so viele Frühabreisende gab es irgendwie noch nie. Was sich auch später am Infiled und den Besuchern vor den Bands abzeichnet. Es war einfach zu heftig.
Torsten Sträter darf dicht gefolgt von Trollfest den Tag eröffnen. Ersterer mit durchaus gehaltvollem Humor, zweite mit eher anderem Humor. Wacken, für jeden was dabei. So dann auch für die modernere Fraktion, wobei ja der modern Metal bzw. Metalcore auch schon gar nicht mehr so neu ist. Callejon jedenfalls sind bei der Zielgrupp gut angesagt und können mit ihrem vorletzen Lied in der Setlist, „Schrei nach Liebe“ als Cover von den Ärtzten ebenfals gut punkten. Sehr gut auf jeden Fall umgesetzt.
Die Warkings sind dann auch wieder so ein Fall, die Leute fahren drauf ab, werden unterhalten von den kostümierten „Römern“ und spielen Songs wie man sie von Hammerfall kennt. Man stellt sich unwillkürlich die Frage: würden Hammerfall auch genötigt sich irgendein Kostüm Konzept auszudenken, würden sie sich heute formieren? Höchstwahrscheinlich. Irgendwie seltsam und doof, dass mittlerweile nicht mehr die Musik im Vordergrund stehen kann, welche zwar nicht originell aber doch richtig gut von den Warkings rüberkommt. Die Thrash Veteranen von Destruction verlassen sich nicht nur auf ihre alten Gassenhauer, sondern hauen Querbeet Songs von ihrer Mittelphase oder ganz neues Material mit rein und bügeln gekonnt wie immer alles weg. War die Truppe um Schmier immer schon sympathisch, sind sie es durch den jüngsten Kinofilm „The Art Of Destrutcion“ erst recht geworden. Und dass sie live abräumen hat wohl auch jeder in den letzten zwanzig Jahren mitbekommen. Immer wieder gerne.
Eine Premiere bieten Mastodon, denn die waren tatsächlich bisher noch nie auf dem Acker. Den Ausstieg des langjährigen Gitarristen und Sänger Brent merkt man so nicht unbedingt, Die Hard Fans werden das vielleicht anders sehen. Aber an sich donnern die Jungs durch ein Set welches mit dem Black Sabbath Cover „Supernaut“ endet, welches zuvor schon bei Ozzys letztem Gig in Birmingham gut zündete. Floor Jansen überrascht daraufhin mit starkem Sound, eine starke Stimme ist man ja von der Nightwish Sängerin gewohnt. Und hier liegt auch der Schwerpunkt des Sets, aber mit wohl ausgewählten Songs: bekanntes wie „Nemo“ und „Amaranth“ stehen neben neuem wie „Noise“ und stillen Highlights wie „7 Days To The Wolves“. Zum Abschluss noch ein Duett mit ihrem Ex-Bandpartner Marco Hietala zu „Phantom Of The Opera“. Hätte man so gut nicht unbedingt erwartet, zumal der Finne ja auch schon zuvor mit Tarja das gleiche Lied trällerte. Aber gut, jetzt kann man gerne Vergleiche ziehen.
W.A.S.P. mit ihrem Debüt Album in voller Länge. Soweit so gut. Was mehr interessiert: live oder nicht? Und sagen wir mal so, Backings vom Band, ja ok, nicht toll, aber leider gang und gäbe. Aber der Hauptgesang ist wirklich live. Es fehlt mal ein Teil vom Wort oder auch ein ganzes, es gibt einfach genug Merkmale an denen man erkennt, ja Blackie singt die Zeilen selbst und gerade aktuell ins Mikro. Wahnsinn. Warum eigentlich nicht die ganzen Jahre davor? Egal, jetzt gilt es, endlich mal entschädigt zu werden. „Wild Child“, „The Headless Children“, „Forever Free“ kommen u.a. auch noch zum Zuge, Blackies Begleitmannschaft ist in seinem Alter, durfte sich im Gegenzug zu ihm aber nicht liften lassen, spielt aber souverän und so bleibt ein richtig guter Auftritt. Nur seine auswendig gelernten Ansagen, die suggerieren, man müsse vor Ehrfurcht erzittern, dieses Werk am Stück gehört zu haben, hätte dann wohl eher zum Status und dem Rockstar Zeitalter der 80iger gepasst. Dass sich heutige Rockstars seit, hmmm, sagen wir mal 20 Jahren, Fan nah zeigen und damit mehr punkten als mit künstlicher Unnahbarkeit hat der Gute wohl verpasst. Egal, war trotzdem top.
Florida auf der Louder, namentlich Obituary, stellen heute ihr „Cause Of Death“ Album in den Vordergrund, aber nicht am Stück. Leider fehlt von diesem „Find The Arise“, dafür gibt es mit „The Wrong Time“ vom aktuellen Album einen geil hypnotischen Song und mit „Slowly We Rot“ noch das Titelstück des Debüts als Abschluss. Die Jungs sind gut drauf wie immer, John Tardy, mit fiesem, schlohweißem Schnauzer, muss sich das Lachen öfter verkneifen und tritt auch mal spaßeshalber nach kurzem Austausch seinem Gitarristen in den Hintern. Die Amis werden gut gefeiert haben, die Meute vorne feiert ebenso, trotz anhaltendem Regen, der einem eigentlich wirklich alles vermiesen könnte. Bei D:A:D weiß man ja nie genau, welches Bühnenbild einen erwartet, heute ist es dann mal der große weiße Maskottchenschädel, der die hintere Bühnenhälfte komplett füllt und in dessen Mitte das Drumset aufgebaut ist. Bei einigen Songs hebt sich dann der Schädel auch noch, also wie immer, beste Performance der Dänen. Das gilt natürlich auch für die Musiker, die ihre Markenzeichen gekonnt einsetzen, wechselnde Bässe mit seltsamen Posen, Zylinder und Frack bei der Gitarre, Energie und schwungvoll geladene drums und gebrochene und extralustige Deutsch-kaudawelsch Ansagen, von denen es ruhig etwas mehr hätten sein können. Ebenfalls hätte die Setlist etwas mehr Schwung vertragen können. Klar stehen D:A:D auch für chillige Musik, aber sie haben genug Songs die Power haben. Und die hätte es zu der Stunde bei dem Wetter vielleicht gebraucht. Dennoch, unterhaltsam wie eh und je.
Gojira haben die Opernsängerin Marina Viotti mit im Gepäck, die mit der Band schon die spektakuläre Eröffnungsshow der Olympiade 2024 mit dem Song „Mea Culpa“ meisterte. Die Songs ballern ordentlich über das relativ gut gefüllte Infield (man erinnere sich, halb Wacken is wech) und drummer Mario hält kurzerhand mal ein Schild mit der Aufschrift „Wollt ihr mehr Doublebass?“ hoch. Coole Nummer. Achja, ne schonmal gesichtete Geigerin soll auch dagewesen sein.
Eine kleine Ansprache der Veranstalter, eine nicht zünden wollende Rakete (nicht der große Nachbau neben der Bühne) und eine kleineVerzögerung später startet die große Vorankündigung für 2026. Bombast an allen Ecken und Enden, Tina Guo zum 346. in diesem Jahr auf der Bühne und ein lustiges Video, dass einige Bands und das Motto „Party On“ präsentiert.
Welcher Honk aber geplant hat, Die Apokalyptischen Reiterparallel dazu schon auf der Headbanger auflaufen zu lassen, dem gehört ein gewaltiger Arschtritt verpasst, auch wenn die Reiter meinen, die Sonne schiene daraus. Sowas gehört sich nicht und gab es auch eigentlich nicht. Trotzdem sind einige Fans gekommen, mit besserem Wetter und ohne Ankündigungsprogramm wäre der Platz vor der Bühne wohl zu klein gewesen. Die Vier lassen sich nicht davon beirren und ziehen gekonnt und mit viel Energie ihr Ding durch, aber irgendwie hätte man doch lieber nochmal einen Keyboarder in der Band, Dauereinspielungen sind zwar leider normal, aber irgendwie bei solche einer Band Fehl am Platz. Wer von den verbliebenen Fans noch Kraft hat, gibt sich die theatralische Show von King Diamond. Selbiger, mit Kreuz-Knochen-Mikro-Halter und Zylinder unterwegs, teilweise aber auch mit Greis-Maske. Auf jeden Fall also unheimlich viel Showelemente, gut was fürs Auge, die Leute, die ausharren, werden also zumindest entlohnt. Zum Schluß noch „Abigail“ welches sich als Thema durch die Show zog, genauso wie der anhaltende Regen. Wurde eigentlich der Regen schonmal erwähnt?
Mittwochs noch Spitzhacken, jetzt eben Aufblasbare Hämmer: Machine Head verteilen die netten Gimmicks um nicht nur ihren Song „Ten Ton Hammer“ zu untermalen. Die Band reißt ab, ist sichtlich dankbar vor einem sichtlich gelichteten Publikum, das aber dafür wacker durchsteht und feiert. Es ist schon beachtlich wer es doch noch zu den Kassierern geschafft hat und natürlich, wie soll es anders sein, es gießt in Strömen. Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist, denken sich wohl alle Anwesenden und das ist ja zum Glück nicht passiert, auch nicht, als der gleichnamige Song schon in der Hälfte des Sets ertönt. Man wünscht sich wirklich viele viele Leute aus dem Ausland, die wahrscheinlich komplett den Glauben verlieren, falls sie denn zufällig bei diesem Gig noch anwesend waren. Uff, vielleicht könnten in den nächsten Jahren höchsten noch A.O.K. einen draufsetzen. Richtig harter Abschluss!
Das war es dann auch mit dem 34. Wacken Open Air aber die Hoffnung wird natürlich nicht aufgegeben, mit Savatage, Sepulturas letzter Deutschland Show, Running Wilds letzter ever Show (wieder), erstmal Def Leppard, endlich wieder Airbourne, Nevermore wiedererstarkt, In Flames und vielen vielen weiteren Bands steigt jetzt schon die Vorfreude auf ein weiteres Wacken. 35 Jahre Jubiläum, bitte bitte trocken.
See you in Wacken, shine or shine!