Europe – Come this Madness

Kaum zu glauben, dass das letzte Europe-Album „Walk the Earth“ bereits 2017 erschien. Neun Jahre später ist nun endlich das neue Album „Come this Madness“ da. Ich persönlich bin sehr gespannt; ich habe die Band sowohl auf der Tour zum Vorgängeralbum als auch auf der „Time Capsule“-Tour gesehen – live waren sie absolut fantastisch. Schauen wir uns das neue Werk also mal an!

One on One

Man fühlt sich sofort in den „Jurassic Park“ versetzt: Ein orchestrales, cineastisches Intro mit gewaltiger Produktion eröffnet den Song, gefolgt von einer verzerrten Basslinie von John Levén, bevor der Rest der Band mit voller Wucht einsetzt. Während die letzten Alben stark vom 70er-Jahre-Rock geprägt waren, wirkt dieses hier moderner. In den Strophen dominieren Mics Keyboards, während die Gitarre im Mix etwas zurückgenommen ist. Doch sobald der Refrain einsetzt, baut sich eine gewaltige Gesangswand auf – ein riesiger Refrain, der sofort im Ohr bleibt. Nach dem zweiten Refrain gibt es eine schöne Pause, in der die eröffnende Basslinie wieder aufgegriffen wird. Es folgt eine wunderbare Passage, in der die Keyboards auf der einen Seite des Kopfhörers liegen, während John Norum auf der anderen Seite eine hymnische Melodie spielt. Das Solo ist wunderschön: Es bleibt eng an der Melodie, ergänzt durch ein paar kleine Läufe – ganz im Dienste des Songs. Danach folgt ein ruhigerer Teil nur mit Keyboards und Joeys Gesang, bevor die Band wieder voll einsteigt. Der Song erinnert mich stark an die „Prisoners in Paradise“-Ära der Band, vor allem durch die prominente Rolle der Keyboards. Ein großartiger Opener!

The Cult of Ignorance

Der Song legt direkt los: Eine coole Synthie-Melodie setzt über der Band ein – ein für die Jungs ungewohnter Sound, der fast an Stratovarius erinnert. Sobald die Band einsteigt, treibt eine pumpende Basslinie den Song voran; in der Strophe hingegen dominiert eher ein Synthie-Bass-Sound, um den herum Mic verschiedene Klangschichten aufbaut, bevor die Band in der zweiten Hälfte wieder voll einsteigt. Der Song klingt gewaltig, besonders im Refrain. Und dieses Riff – man stelle sich eine Mischung aus AC/DC und Def Leppard vor, allein schon durch das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug; das ist ein Refrain, den auf der nächsten Tour eine ganze Arena lauthals mitsingen wird. Auch der Mittelteil mit dem Solo ist gelungen: schöne, arpeggierte Gitarrenlinien treffen auf eine hymnische Melodie. Ein feiner kleiner Ausklang leitet über zur Rückkehr der wuchtigen Bassdrum und Gitarren, die den Refrain erneut einläuten. Besonders schön ist zudem, wie die Keyboard-Melodie wieder einsetzt, während der Song aus dem Refrain herausgeführt wird und schließlich endet.

Come this Madness

Das bisher gitarrenlastigste Intro – ein schönes Slide-Riff von Mr. Norum; ein geradliniger Mid-Tempo-Rocker. Auch hier sind die Keyboards im Mix rund um das Haupt-Riff wieder enorm präsent. Mit Beginn der Strophe nimmt die Band die Dynamik zurück, das Riff tritt etwas in den Hintergrund und Joeys Gesang übernimmt. Eine winzige Pause leitet den Refrain ein – eine wahre Wand aus Stimmen. Wer Kopfhörer trägt, hört in der zweiten Strophe Joey in der Mitte und eine weitere Gesangsspur rechts – ein sehr cooler Effekt. Im Mittelteil fällt alles auf einen verzerrten Basston ab; Ian spielt nur leichte Akzente auf dem Ride-Becken, während Joeys Gesang zarter wird – auch Mr. Levin liefert hier wirklich schönes Spiel ab. Dann setzen Schlagzeug, E-Piano-Klänge und Synthie-Schichten ein. Plötzlich baut sich der Song auf, Ian spielt ein schönes Drum-Fill, und wir gelangen in einen Teil, der mich an Rainbow erinnert: groß und episch, mit einem wuchtigen Riff und umhüllenden Synthies. John legt ein fantastisches Solo hin – voller bluesiger Licks und gewaltiger Bendings. Doch wie immer bei ihm gilt: Es ist technisch brillant, wirkt aber nie effekthascherisch – das ist der Unterschied. Man merkt, was er kann, aber er stellt es stets in den Dienst des Songs. Ein kurzer Stopp und – bumm – direkt zurück in den Refrain, während das Tempo anzieht. Ich bin jetzt beim dritten Song, und dieses Album unterscheidet sich enorm von den letzten – auf großartige Weise!

This Time of Year

Synthesizer setzen ein, gefolgt von einem langsamen Beat; den Auftakt bilden Klangwände aus E-Piano und Synthesizer, untermalt von einer Basslinie – eine Produktion mit gewaltigem Sound. Die Strophe wird anfangs vom Klavier getragen, während Ian den Takt auf dem Ride-Becken hält und Joeys sanfter Gesang darüber einsetzt – voller Verletzlichkeit und Emotionen. In der zweiten Hälfte kommen die Drums hinzu; ein Keyboard-Part, der fast an die Beatles erinnert, leitet zum Refrain über. So schreibt man eine Ballade: Wenn der Refrain einsetzt, weiß man sofort, dass man ihn noch ewig mitsingen wird. Der Song wird zwar nicht härter, aber klanglich immer gewaltiger; die Gesangsmelodie ist einfach großartig, ebenso wie der Text. Mick ist hier definitiv der Star; sein Spiel in den Strophen und im Refrain ist wunderbar. Betrachtet man den Text – besonders die melancholische Note der letzten Zeile –, erkennt man einen Weihnachtssong. John hält sich beim Solo angenehm zurück, und im letzten Refrain gibt es eine Tonartänderung – ein wunderschönes Lied!

In a Different World

Ein Mellotron-Intro leitet den Song ein; man hört den Spannungsaufbau, bevor die Band einsetzt. Der Song ist riff-lastiger und hat ein ordentliches, treibendes Tempo – er erinnert vom Gefühl und Rhythmus her an „War of Kings“ und walzt sich kraftvoll voran. Dann folgt der Refrain, der sich richtig aufbaut und eine sehr fröhliche Stimmung verbreitet; „Here’s to the future“ lautet die zentrale Zeile. Beim zweiten Refrain kommt eine schöne, gleitende Gitarrenlinie hinzu, die für etwas Abwechslung sorgt – das gefällt mir sehr. Kurz vor dem Solo ändert sich die Stimmung: Eine geschmeidige Basslinie und ein Half-Time-Groove setzen ein, dazu eine Gitarre mit halb-cleanem Sound zu Beginn des Solos. Der erste Teil des Solos hat eine wunderbare Atmosphäre, bevor die Band voll einsteigt und dieser herrlich weiche, satte Gitarrensound erklingt, während John im Solo regelrecht abhebt. Großartig ist auch der fast industriell klingende Break, bevor die Band wieder mit voller Wucht in den gewaltigen Refrain zurückkehrt – wieder ein absoluter Kracher!

Scandinavian Eyes

Ein weiterer Song, der als Single veröffentlicht wurde; auch hier spielen Synthesizer und Keyboards im Intro eine gewaltige Rolle – fast filmreif, einfach ein riesiger Sound. Wenn die Band einsetzt, ändert sich alles schlagartig: ein Riff, das fast an Deep Purple erinnert, bei dem Bass, Gitarre und Keyboards unisono spielen. Das ist bisher der härteste Track, absolut gitarrenlastig – und genau das liebe ich. Wenn sie im Refrain in den Half-Time-Groove wechseln, öffnet sich der Sound regelrecht, besonders über Kopfhörer. Ich habe es schon ein paar Mal erwähnt: Tom Dalgetys Aufnahme und Mike Frasers Mix klingen hier gewaltig. Auch hier umhüllen die Keyboards den Mix und explodieren förmlich im Refrain. Und ja, es gibt ein Synth-Solo – ich liebe es! Es vermittelt ein Gefühl wie bei „Gates of Babylon“, mit orientalisch angehauchtem Flair, bevor John mit einem wunderbar melodischen Part einsteigt und sich dann in höhere Lagen schraubt – großartiges Feeling, toller Sound und wunderschöne Melodielinien. Schließlich mündet alles in einen Moog-Keyboard-Part, der stark an Pink Floyd erinnert, gefolgt von Unisono-Passagen und einem Break mit Gesang und Kirchenorgel, bevor im letzten Refrain zusätzliche Synthesizer und ein Chor hinzukommen – einfach gewaltig!

Takin It Back

Ein Intro mit einer Melodie aus Gitarre und Synthesizer, unterlegt von einer gewaltigen Wand aus Synth-Pads – das klingt wieder ganz neu und unerwartet, aber ich liebe es. Es erinnert mich an Songs von Johns Album „Face the Truth“: die pumpende Basslinie, die gleitenden Akkordpassagen – der Song hat genau diese Energie. Die Strophe treibt richtig voran, und das kleine Pre-Chorus-Segment mit den Arpeggio-Akkorden baut die Spannung perfekt zum Refrain hin auf; die Jungs wissen einfach, wie man einen Refrain schreibt. Der Song versprüht zudem „California 405“-Vibes. Und dann John: Dive-Bombs, Slides, schnelle Tonleitern, Blues-Feeling – alles ist dabei. Abgerundet wird das Solo durch eine richtig starke Harmonie von Mic und John – einfach klasse. Zurück in den Refrain: Für mich ist das zweifellos der beste Song des Albums – ein absoluter Knaller!

In the Absence of Grace

Ein eindringliches Klavier eröffnet den Song; es klingt, als stünde es mitten in einem riesigen Raum. Dann setzt Joey mit einer dezenten, tiefen Gesangsstimme ein, gefolgt von Synthesizern und orchestralen Elementen, die den Klangkörper füllen – es wirkt fast wie Filmmusik. Mic ist in absoluter Topform und glänzt auf der gesamten Platte. Der Song dauert zwar nur anderthalb Minuten, aber wenn man genau auf die einzelnen Elemente achtet, passiert unglaublich viel. Herausragend!

The Angels Must Have Flown

Ein sehr sphärischer, schwebender Gitarrenpart setzt ein, bevor ein echtes Hammer-Riff einschlägt – sehr direkt, mit einem einfachen Beat darunter. Erst nach der Hälfte der Strophe mischen sich die Keyboards darüber; beim Übergang zum Refrain (Pre-Chorus) werden die Gitarren statischer und eine ganze Gesangswand baut sich auf: der Hauptgesang in der Mitte, die anderen Stimmen auf den Seiten des Kopfhörers. Auch hier muss ich sagen: Das klingt nicht wie ein typischer Europe-Song – vielleicht erinnert das treibende Riff der Strophe ein wenig an „Hole in My Pocket“, aber der Refrain ist etwas ganz Eigenes. Der Mix bietet so viele Details: Im Hintergrund hört man „Here’s Johnny“, und da ist er auch schon und hebt wieder ab. Ich muss sagen, dass er sich bei den Soli auf dem Großteil des Albums sehr zurückhält; er wählt die passenden Töne und Melodien, anstatt einfach nur wild draufloszuspielen. Dann geht es zurück in den Refrain, während der Song ausklingt!

The Devils Back

Bumm – Crash-Becken und ein Riff setzen ein, untermalt von Hammond-Orgel-Akzenten, bevor der Song in einen langsam galoppierenden Groove übergeht. In der Strophe wechselt er dann zu einem klareren Gitarrensound, während der Rest der Band den Groove hält; dazu gibt es sehr sanften, tiefen Gesang von Joey und kleine Gitarren-Akzente, die an „Africa“ von Toto erinnern. Das ist ein echter Refrain – aggressiv auf die typische Europe-Art. Ich bin ein riesiger John-Norum-Fan, und hier bekommt er ein ausgedehntes Solo; vielleicht darf er sich auf diesem Album zum ersten Mal so richtig austoben. Sein Sound ist satt und voluminös, er spielt einige schöne, schnelle Licks, opfert aber – wie immer – nie die Melodie zugunsten reiner Effekthascherei. Genau so muss ein Solo sein: hervorragend. Dieser Track ist ein weiterer Knaller – ich liebe dieses Album!

Nothing Can Follow This

Wieder ein sanftes Keyboard-Intro, diesmal mit einem gesprochenen Teil von Joey, der uns allen eine Botschaft übermittelt. Dann setzt die Band kurz ein, bevor wir zum Keyboard-Intro zurückkehren, begleitet von Schlagzeug und Bass im ungeraden Takt, passend zu Joeys Gesang. Nach einer winzigen Pause folgt ein weiterer gewaltiger Refrain. Wunderschöne, orientalisch angehauchte Melodie- und Riff-Passagen leiten den Refrain-Teil „Nothing can follow this“ ein. Der Break in der Mitte ist großartig gemacht – eine massive Wand aus Chorgesängen –, gefolgt von einem weiteren Solo von John. Wieder wunderschön und melodisch, mit toller Phrasierung und einer wirklich schönen Schlusssequenz. Danach kehren wir zu den Keyboards und Joeys Gesang vom Anfang zurück, bevor der Refrain erneut einsetzt. Ein großartiger Song, um das Album abzuschließen!

Es ist Europe, aber nicht das Europe der letzten paar Alben; es ist definitiv ein anderes Album, und das gefällt mir sehr gut. Es ist viel stärker von Keyboards und Synthesizern geprägt, und Mic ist hier voll in seinem Element. Dennoch gibt es mehr als genug Norum-Action, um Gitarrenfans wie mich zufriedenzustellen: jede Menge großartiger Riffs und eingängiger Refrains. Zudem ist die Produktion des Albums gewaltig